Chronik - Festrede zum 600jährigen Jubiläum

Die Festrede zum 600jährigen Jubiläum

Festrede zur 600-Jahr-Feier der Kgl. Privil. Scharfschützengesellschaft Lichtenfels

Prof. Dr. Günter Dippold - Lichtenfels, 15.6.2013

Zwei Jubiläen gilt es heuer zu feiern: mit etwas Verzug das 200jährige Bestehen einer Schützengesellschaft in Lichtenfels und 600 Jahre Schützentradition. 1981 Jubilumsscheibe Vorderladerschieen Lichtenfels BurgSagen wir es

rund heraus: Das Bezugsjahr 1413 hat im Jahr 1910 der verdiente Schützenmeister, der Korbhändler Kommerzienrat Georg Krauss, genannt, und schon der emsige wie kundige

Stadtarchivar Heinrich Meyer hat vor 50 Jahren festgestellt, dass sich eine entsprechende Quelle nicht ausmachen lasse. Die Jahreszahl ist also zumindest problematisch.

Warum auch so bescheiden? Die Schützentradition reicht nicht bloß 600 Jahre zurück, sie ist so alt wie die Stadt Lichtenfels selbst, mehr als 750 Jahre.

Schützenwesen, das gehörte zur Stadt. Lichtenfels wurde bekanntlich von den Herzögen von Meranien aus dem Hause Andechs gegründet, ebenso wie Weismain und Scheßlitz oder Innsbruck oder Krainburg und Windischgräz in Slowenien. Um 1231 wurde der Markt Lichtenfels durch Herzog Otto I. befestigt und damit zur Stadt gemacht. Von dieser jungen Stadt aus – nirgends urkundeten sie öfter als in Lichtenfels und in Weismain – regierten die Meranier dann ihr europäisches Reich, das von Burgund bis Dalmatien, vom Hofer Land

bis Tirol reichte.

Als Lichtenfels zur Stadt wurde, da war „Stadt“ noch etwas Neues im östlichen Franken. Eine Stadt war eine Siedlung, aber befestigt wie eine Burg – und es ist bezeichnend, dass ihre Bewohner hiernach heißen: „Bürger“ (nicht „Städter“). Die Bürgerschaft war eine Rechtsperson, verwaltete sich selbst. Die Gesamtheit der Bürger unterstand zwar dem Stadtherrn, aber ihre inneren Angelegenheiten regelte sie selbst.

1680 Lichtenfels Zeichnung

Warum gründete ein Fürst eine Stadt? Weil es wirtschaftlicher war als eine Burg. Für eine Burg musste er die Besatzung beständig finanzieren. Die Stadt brachte nicht nur wirtschaftlichen Ertrag durch Handwerker, durch Handel und Wandel, durch ihre Märkte zumal, sie war auch ein befestigter Platz, den seine Bewohner selbst verteidigten. Die Stadtmauer zu unterhalten und die Stadt gegen Angriffe zu schützen, das war eine vornehme Pflicht der Bürgerschaft. Wir haben in Lichtenfels noch ein Stück Stadtmauer erhalten, aus dem wir erschließen können, wie sie einst ringsherum aussah: oben beim Roten Turm, nahe dem Stadtschloß.

Wir sehen den überdachten Wehrgang und die Schießscharten. Solange es eine Mauer gab – erst, im 13. Jahrhundert, als Holzpalisade, dann seit dem 14. Jahrhundert als Steinmauer –, solange wurde von ihr auf Feinde geschossen. Solange gibt es Schützen in Lichtenfels. Die bewaffneten Bürger, die teils Schusswaffen, teils Hieb- und Stichwaffen führten, waren aber nicht nur die Verteidiger ihrer Stadt im Kriegsfall; die Bedeutung dieser Aufgabe schwand zunehmend, zumal die Fehde, der räumlich begrenzte Kleinkrieg, mit dem man sein Recht durchsetzte, seit 1495 illegal war und in der Folge verschwand. Waffendienst freilich blieb eine fortdauernde Aufgabe der Bürgerschaft. In Waffen stehende Bürger sicherten den Frieden bei den Jahrmärkten, und bewaffnete Bürger zogen aus, um das Recht ihrer Stadt zu behaupten – etwa wenn es ums Braurecht ging bzw. um die Befugnis der Stadt, die Dörfer der Umgebung mit Bier zu versorgen. Als der Banzer Abt 1722 in Nedensdorf eine Brauerei einrichten ließ, beschwerten sich die Staffelsteiner dagegen, und der Bamberger Fürstbischof als Landesherr erließ darauf den Befehl, dass die Brauerei „gänzlich solle cassirt und ruiniret werden“. Der Lichtenfelser Oberamtmann tat, wie ihm geheißen. An einem Januarmorgen 1723 marschierte er mit der Lichtenfelser Bürgerschaft, „in Gewehr und rührenten Drommelspiehl“, nach Nedensdorf. Der ,Feldzug‘ war von Erfolg gekrönt. Es gelang nicht nur, den Braukessel wie eine Trophäe auf einem Wagen nach Lichtenfels zu bringen, der Beamte ließ auch die restliche Brauereieinrichtung und die Darre „offentlich zu Schanden hauen und völlig vernichten“.

Die Bürger waren als bewaffnete Einsatztruppe Instrument staatlicher Herrschaft. Wenn der Fürstbischof Zwang ausüben wollte, um seine Rechte oder seine Politik durchzusetzen, dann schickte er Bürger aus der nächsten Stadt. Als 1609 die evangelischen Pfarrer von Marktzeuln und Marktgraitz vertrieben und katholische Pfarrer eingesetzt werden sollten, eskordierten Lichtenfelser Bürger die Geistlichen dorthin. 1611 mussten bewaffnete Lichtenfelser nächtens in Schwürbitz einfallen, um den Notar Kilian Schauer zu verhaften, den Kopf des Widerstands der Protestanten gegen den Fürstbischof. Ein jüngeres Beispiel: Als der Lichtenfelser Vogt 1739 einen Bigamisten in Schney festnehmen wollte, da kam es zu heftigen Auseinandersetzungen über die Gerichtsrechte der Schloßherrin einer- und des fürstbischöflichen Beamten andererseits. Um seine Ansprüche zu behaupten, bot der Vogt „100 bewehrte Mann“ aus der Lichtenfelser Bürgerschaft auf. Demonstrativ verhaftete er das Paar in Schney; die Bürgerschaft marschierte in Reih und Glied „unter klingenden Spiel“ ins Dorf, zum Torhaus, dort erzwang der Vogt die Öffnung des Tors, betrat den Schloßhof und ließ hier erst die Verhafteten fesseln – um zu zeigen, dass er berechtigt war, an jedem Platz in Schney in Ausübung der landesherrlichen Gerichtsrechte tätig zu werden.

Noch 1805, Lichtenfels und die ganze Umgebung waren bayerisch geworden, wurden die Lichtenfelser auf diese Weise eingesetzt. In Michelau stand die Kirche St. Anna, die eigentlich katholisch war, seit 1803 aber beiden Konfessionen dienen sollte. Die Michelauer freilich, überwiegend evangelisch, wollten die katholische Nutzung verhindern. Als der zuständige Marktgraitzer Pfarrer einen Gottesdienst abzuhalten plante, wurde zu seiner Sicherheit „das Bürgermilitair von Zeulen, Markt Graitz, Lichtenfels, Staffelstein mit Ober- und Untergewehr, Fahnen, Musick, Zimmerleuten etc. etc.“ nach Michelau entsandt, um die Kirche notfalls mit Gewalt zu öffnen und sie zu besetzen. Doch die Michelauer hatten sich „mit Heugabeln, Flößhäcken etc.“ im ummauerten Kirchhof verschanzt und verwehrten ihnen den Zutritt, woraufhin die Streitmacht aus den Städten und Märkten tatenlos wieder abzog.

Solche Geschichten ließen sich abendfüllend erzählen, doch die wenigen Beispiele müssen genügen. Davon, dass geschossen wurde, ist bei den kurz erzählten Vorfällen nie die Rede, aber man musste bereit und in der Lage dazu sein. Man musste sich also in Waffen üben, musste Schießübungen machen. Dies tat man, wie Heinrich Meyer dargelegt hat, in Lichtenfels anfangs wohl auf dem Burgberg, in der alten Burg, die seit dem 16. Jahrhundert Ruine war und mehr und mehr verfiel, spätestens seit dem 18. Jahrhundert dann auf dem Schiffanger, der später den Namen Schießanger erhielt. Dieser Anger war der Platz, wo Flößer anlegten, Holzhändler ihre Ware lagerten, Zimmerleute ihre Konstruktionen zurichteten, Schiffmacher die Schelche bauten und ausbesserten und Kinder Schweine und Gänse hüteten.

Alle Sonn- und Feiertage hätten die Bürger zu üben, verfügte der Stadtrat 1616. Man verstand es, der Pflicht eine gesellige Seite abzugewinnen. Aus der Schießübung wurde ein Wettkampf, aus dem Wettkampf ein Fest. Schon 1500 zog ein Lichtenfelser Bürger zum Landschießen in Bamberg, und 1561 luden die Lichtenfelser Schützen ihrerseits zum Wettstreit; allein aus Coburg erschienen elf Teilnehmer. Ein weiteres „gemeines Schießen“ veranstaltete Lichtenfels im Jahr 1597.

Derartiges lag im Trend. Als man im Humanismus die antiken Wurzeln der europäischen Gesellschaft wiederentdeckte und das ererbte Kulturgut wiederbelebte, da trug die Stadt einen ungeheuren Prestigegewinn davon, denn die Stadt als solche war doch Kristallisationspunkt römischer Staatlichkeit gewesen. Im 15. und namentlich im 16. Jahrhundert mochte sich selbst ein Lichtenfelser Ratsherr fühlen wie ein römischer Senator. Nach antikem Muster spielten die Schüler und Studenten Theater, und es bildete sich eine bürgerliche Festkultur heraus. Diese manifestierte sich besonders in den Schützenfesten – den „Schützenhöfen“, wie man meist sagte –, die in jener Zeit ihre Blüte erlebten. Aber auch noch im 18. Jahrhundert finden sich Hinweise auf öffentliche „Freischießen“, die in Lichtenfels stattfanden oder von Lichtenfelsern besucht wurden.

Ende 1802 legte der letzte Fürstbischof von Bamberg seine Herrschaft nieder. Sein Land, damit auch Lichtenfels, wurde dem Kurfürstentum, ab 1806 Königreich Bayern eingegliedert. Vieles wurde nun landesweit geregelt, so auch das städtische Wehrwesen. In Bayern wurde 1808 die Nationalgarde III. Klasse eingerichtet, eine militärische Einheit, gebildet von den wehrfähigen Männern der Städte und Märkte, bestimmt nur für den Einsatz im Innern, nicht für den bewaffneten Kampf gegen einen äußeren Feind.

„Landwehr“ nannte man diese Einheit später. Sie war militärisch organisiert; wohlhabende Bürger führten als Offiziere das Kommando vor Ort, Hochadlige bekleideten die obersten Ränge. Graf Carl von Ortenburg zu Tambach war etwa der Kommandeur im Ober- und Untermainkreis, also Ober- und Unterfranken. Freilich war die Landwehr nur noch ein Schatten der alten städtischen Wehrhaftigkeit.

Der König und seine Regierung trauten den aufsässigen Bürgern seit der Revolution von 1848/49 nicht mehr recht. Andererseits wuchs die Unlust der Handwerker und Kaufleute, zu Exerzierübungen zu erscheinen. Disziplinlosigkeit griff um sich, in Lichtenfels wie allerorten landauf, landab. Schließlich, um die Jahreswende 1869/70, wurde die Landwehr in Bayern sang- und klanglos aufgelöst. Damit endete letztlich nach langem Siechtum die Tradition der wehrhaften Stadt.

Doch längst war Neues erwachsen. Neben der Nationalgarde, neben der Landwehr hatte sich in Lichtenfels 1810/11 eine Schützengesellschaft gebildet, ein freier Zusammenschluss von Männern, die sich aus Vergnügen, aus dem heraus, was man viel später Sportsgeist genannt hätte, jedenfalls ohne alles obrigkeitliches Gebot zusammenschlossen, um Schießübungen zu veranstalten und ihre Fähigkeiten im Wettkampf zu messen. Wir müssen uns ja vor Augen führen, dass es Vereine erst in Ansätzen gab. Was da also entstand, war etwas Neues, etwas Hochmodernes.

Kopf der neuen Gesellschaft war ein umtriebiger Bürger: Joseph Felix Silbermann. 1771 in Kronach in eine Holzhändlerfamilie hineingeboren, hatte er sich in Lichtenfels gut verheiratet mit der Bürgermeisterstochter Margaretha Löffler, mit der er acht Kinder hatte. Silbermann war Ratsherr, er handelte mit Holz, Textilien, Lebensmitteln und Luxusartikeln, im Kleinen wie im Großen, er besaß eine Pottaschefabrik, gründete die Porzellanmanufaktur Hausen, betrieb eine Spedition, war Grundstücksmakler, versorgte im staatlichen Auftrag die Stadt und ihre Umgebung mit Salz, kommandierte als Hauptmann die Bürgermiliz. Er trat als Schützenmeister an die Spitze der neuen Gesellschaft. Später wurde er dann Bürgermeister und saß im Landtag.

Die neue Gesellschaft machte alsbald von sich reden, in weitem Umkreis. Freischießen, Vogelschießen hatte es noch im 18. Jahrhundert bisweilen gegeben, aber sie hatten ihre große Bedeutung eingebüßt. Nun hauchte Lichtenfels dem alten Fest neues Leben ein. 1811 fand erstmals ein Schützenfest in Lichtenfels statt. Der Anger, Übungs- und Wettkampfplatz der Schützen, avancierte zum Festplatz.

Wir wissen gut Bescheid dank eines gedruckten Berichts, durch den Joachim Heinrich Jäck seinen Besuch dieser weit ausstrahlenden Veranstaltung schilderte. Jäck, ein

Bamberger Brauersohn, war 1796 ins Kloster Langheim eingetreten und nach dessen Ende 1803 zu einem der drei Leiter der neuen Kurfürstlichen Bibliothek in Bamberg

ernannt worden. Er kam, wie etliche Gäste des Schützenfestes, eigens aus Bamberg angereist, und er sah den Festbetrieb des Jahres 1812 wie folgt: „unzählige Menschen

durchkreuzen sich hier auf dem schönsten Wiesengrunde unter dem wohlthätigsten Schatten und höchst aromatischen Geruche 100jähriger Lindenbäume“. Die Schößlinge

waren 1716 aus dem Banzer Wald geholt und hier gepflanzt worden, weitere in den Jahren 1807 und 1808.

Hören wir weiter Jäck: „Zum Rechten ist eine hohe Vogelstange und ihr gegenüber ein niedliches chinesisches Haus errichtet, dessen 4 grüne Vorhänge die Scharfschützen

gegen Sonne, Wind und Regen in gleichem Maße sichern. Diesem zur Seite steht ein sehr geschmackvoll kolorirtes italienisches Gebäude von 60 Schuhen in der Länge

– 20 in der Breite und Höhe mit drey vorspringenden Pavillons [...]. In diesem Hause finden wir zahlreiche Diener der Schützen mit dem Laden der Büchsen zum Erringen

des Ehrenpreises so beschäftigt, dass man sich ohne zu geniren kaum durchwinden kann.“

Drei Schießstände, flankiert von jungen Pappeln, sah Jäck, weiterhin das Schießhaus, in dessen Zentrum eine „tausendjährige“ Linde stand, daneben fünf Privatzelte, die je eine große Familie aufnehmen konnten. Ferner standen auf dem Anger „ein allgemeines Gastzelt zum Bewirthen zahlreicher Fremden“ und „ein langes breites und hohes Gebäude“, das als Tanzsaal diente. Bratwürste und andere „Fleischspeisen“ wurden den Festbesuchern angeboten. „Hinter einer langen Reihe von kleineren Zelten und Hütten belustigt sich die männliche und weibliche Jugend dem Geiste unseres reitlustigen Zeitalters gemäß auf einem Karoussel von 4 Pferden, und eine große Halle schützt die Spieler von zwey Kegelbahnen vor zu großer Sonnenhitze.“

Neben dem Tanzzelt standen „Buden von Galanterie- und Zuckerwaren“. Zur Mittagszeit wurden im Gastzelt die „seltensten und kostspieligsten Speisen“ serviert. Ein Orchester spielte zur Tafel. Am Abend wurde den Gästen ein Theaterstück im Rathaus geboten. Anschließend fand im Tanzhaus ein Ball statt; „erst die wiederkehrende Morgensonne setzte der Fröhlichkeit der Tänzer Schranken“. Am zweiten Tag des Schützenfestes begeisterte ein Feuerwerk Gäste wie Einheimische.

Die Attraktionen vor 200 Jahren mögen einem Heutigen eher bescheiden scheinen, aber für die Region waren sie damals unerhört. Wäre sonst der greise Generalfeldmarschall

Prinz Friedrich Josias von Sachsen-Coburg erschienen, wäre sonst Herzog Wilhelm in Bayern, der Schwager des Königs, von Bamberg nach Lichtenfels gefahren?

Der ehemalige Generalkommissär des Mainkreises, Stephan von Stengel, wurde schon bei der Gründung der Schützengesellschaft im Jahr 1811 zum Ehrenmitglied ernannt.

Der einstige Abt von Banz, der im Schlösschen zu Buch lebte, ließ es sich beim Lichtenfels er Schützenfest des Jahres 1816 nicht nehmen, 13 Schüsse auf die Scheibe abzugeben.

Aus Bamberg reiste nicht nur Jäck zum Lichtenfelser Freischießen, es erschienen auch der Verleger und Weinhändler Carl Friedrich Kunz und E. T. A. Hoffmann, der als Musikdirektor am Bamberger Theater wirkte.

Hoffmanns lakonische Tagebucheinträge bestätigen Jäcks wortreiche Schilderung.

19. Juli 1812: „nach Lichtenfels zum Vogelschießen gefahren, gemüthliche Stimmung.“

20. Juli 1812: „Lichtenfels – exaltirte Stimmung, Nachts 12 Uhr in Bamberg“.

21. Juli 1812: „Ermüdet und matt“.

Jäck war vom Schützenfest, von der ganzen Atmosphäre in Lichtenfels so berührt, dass er bilanzierte, die Stadt habe „so viele Vorzüge gewonnen, dass es in fortlaufender Steigerung derselben sich bald zum Nebenbuhler Bambergs erheben wird“. Der Schützengesellschaft war dies vor allem zu danken.

Freilich war die Blüte nur von kurzer Dauer. Nach 1816 wurde das Schützenfest nicht mehr gefeiert. 1817, so wird man vermuten dürfen, fiel es wegen des Not- und Hungerjahrs aus, und in der Folge wurde es nicht mehr aufgenommen. Andere hatten es nachgeahmt, Bamberg etwa ab 1814. Die Lichtenfelser selbst hätten durch den „Übergenuß der Vergnügungen“, so meinte Jäck Jahrzehnte später, die Freude am Feiern verloren. Kurz und gut, das Schützenfest schlief ein und mit ihm die Schützengesellschaft.

Noch 1818 legte man zwar neue Fußböden ins Schießhaus, aber 1827 wurde es als ruinös abgebrochen, ein Jahr später der Schießstand. Das Schützenwesen schien erloschen.

SilbermannDoch 1834 hauchte ihm Johann Baptist Silbermann, ein Sohn des verstorbenen Bürgermeisters, neues Leben ein. Als Privatmann erbaute er ein neues steinernes Schießhaus, das teilweise noch im bestehenden Schützenhaus steckt, und alsbald übernahm es die erneuerte Schützengesellschaft. Ermöglicht wurde dies durch freiwillige Beiträge der Einwohnerschaft; 142 Lichtenfelser steuerten etwas bei. In diesem Jahr 1834 fand auch wieder das Freischießen statt, nicht als bloßer Wettkampf von Schützen, sondern wieder umrahmt durch Bälle; zwei Kegelbahnen waren aufgestellt, und Seiltänzer zeigten ihre Kunst.

74 Mitglieder zählte die Gesellschaft, bei rund 1900 Einwohnern, die die Stadt damals hatte.

Auch in den folgenden Jahren blieb das Schützenfest feste Größe im städtischen Kalender, und immer wieder zeigten sich neue Attraktionen: 1836 trat ein englische

Reitergesellschaft auf, 1837 konnten die Besucher ein Wachsfigurenkabinett bestaunen und Runden auf einem Karussell drehen.

Bleiben wir beim Schützenhaus als dem Dreh- und Angelpunkt des Vereinslebens. Das steinerne Häuschen von 1834 erwies sich mit der Zeit als zu klein. 1863/64 erweiterte man es, finanziert durch Aktien, die 112 Mitglieder zeichneten. Den Baugrund trat die Stadt kostenlos ab, die Pläne fertigte der Hochstadter Bahnmeister Michael Schlennert. Das Haus, ausgeführt von Georg Och, enthielt „Tanzsaal, Spielzimmer, Büffet, Küche“ und Abtritte. Rechtzeitig zum Schützenfest 1864 war der Bau fertig.1834schuetzenhaus2

Damit hatte Lichtenfels nicht nur ein Schützenhaus, sondern einen ansehnlichen Saalbau, wie ihn die Stadt bis dahin für ein halbes Jahrhundert nicht besessen hatte, seit das Obergeschoß des Rathauses, einst offener Saal, durch Büros für das Landgericht verbaut worden war. Erst in den 1880er Jahren bekam das Schützenhaus Konkurrenz mit dem Saal des Hotels „Krone“. Bis dahin wurde nahezu alles, danach immer noch vieles hier begangen, auch wenn es mit den Schützen nichts zu tun hatte.

Schon im Mai 1865 – der Bau war ein Dreivierteljahr alt – heißt es, die Räume seien „von den einzelnen hier bestehenden Gesellschaften zur Abhaltung von Bällen, Produktionen und dergleichen benützt“ worden.

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – die Stadt war rasant angewachsen, auf über 4000 Menschen – genügte das Haus den gestiegenen Ansprüchen immer weniger.

Ende 1901 beschloss die Schützengesellschaft in Absprache mit den Vertretern der größeren Vereine von Lichtenfels, den Saal zu verlängern. Das geschah 1903/04, über 6 Meter bauten die Brüder Drill an.

Es war die Zeit, als die wohlhabenden Korbhändler, die Bahn- und Postbeamten, gutsituierte Bürger ein gesellschaftliches Leben wünschten, ja erwarteten. Kommerzienrat Georg Krauss, der seinen Vornamen weltmännisch ins Französische übersetzte (Georges), Inhaber eines erfolgreichen Korbhandelshauses am Ort, wollte 1899 sogar, dass die Schützengesellschaft – „Königlich Privilegiert“ durfte sie sich seit 1869 nennen – einen Tanzmeister engagiere, um das Tanzkönnen der Lichtenfelser für die Bälle in diesem Haus zu verbessern. Es kam zum Streit darüber, Krauss, verdienter Schützenmeister seit Jahrzehnten, trat gar aus. Der Riß konnte gekittet werden. Den Tanzmeister stellte man aber nicht an.

Vornehm jedoch war die Schützengesellschaft durchaus. Kein Verein, dem man einfach beitrat. Mittels Ballotage, mit schwarzen und weißen Kugeln wurde über die Aufnahme jedes einzelnen abgestimmt.

Das neue, erweiterte Schützenhaus bot den rechten Rahmen für die Hundertjahrfeier der Kgl. Privil. Scharfschützengesellschaft, die im Juli 1910 würdig begangen wurde, geleitet durch Georg Krauss und den zweiten Schützenmeister Heinrich Schardt, Miteigentümer der Porzellanfabrik Schney.

Eine Jubiläums- und eine Königskette entstanden dank über 200 gestifteter Münzen und Medaillen; Bürgermeister Adam Wenglein, seit 40 Jahren an der Spitze der Stadt und selbst langjähriger Schützenmeister, hielt eine Festansprache, ebenso der Bezirksamtmann Dr. Otto Roth als Schützenkommissar; Stadtpfarrer Philipp von Harttung, ein begabter Reimeschmied, schrieb ein Gedicht zum Jubiläumsschützenfest, und Heinrich Schardt verglich in seiner launigen Rede die Gesellschaft einem Baum: „Mehr und mehr wuchs der kleine Baum heran zum Stamm, um nun dazustehen wie eine kernige deutsche Eiche, genjeden Sturm gefeit.“

Das Schützenhaus, bis heute ein wichtiger Platz nicht bloß für die Schützen, sondern für ganz Lichtenfels, stellt die Schützengesellschaft vor eine dauernde Aufgabe. Auch in den letzten Jahrzehnten, erst in den letzten Jahren wieder, wurde es erneuert, modernisiert, saniert. Eine Bühne, 1954 eingebaut, machte den Raum zeitweilig auch zum Theatersaal.

Man muss es immer wieder betonen: Es ist nicht die Stadt, nicht die öffentliche Hand, nach der so viele zuerst rufen, die dieses Gebäude gebaut hat, es ist die Schützengesellschaft.

1834 hat sie das kleine Haus übernommen, zweimal hat sie es gehörig erweitert, beständig hat sie es gepflegt. In diesem Gebäude spiegelt sich die Verantwortung, die diese Gesellschaft für das größere Ganze, für die gesamte Stadt, übernommen hat und bis heute übernimmt. Dieses Haus ist Stein gewordener Bürgersinn.

1910schuetzenhaus5Noch in einer anderen Weise wirkt die Scharfschützengesellschaft über ihre ureigenen Interessen hinaus zum Wohle der Stadt: Sie veranstaltet das Schützenfest. Sie geht dabei mit der Zeit. Manches kam, manches verging auch wieder, wie etwa im späten 19. Jahrhundert das „Juchhe“, ein Tanzplatz unter freiem Himmel, gewiss nach den Rufen der Tänzer so geheißen. Es wäre einmal eine lohnenswerte Forschungsaufgabe, dem Kommen und Gehen von Fahrgeschäften, Spiel- und Glücksbuden, Verpflegungs- und Naschstationen nachzuspüren. Heute fehlt uns die Zeit. Allein die legendären Söllner-Brezen, die es seit 1927 gibt, wären des Behandelns wert.

Was über die Jahrzehnte hinweg blieb, das war und ist die Organisation des Festes durch die Scharfschützengesellschaft – und eben nicht durch die Stadt. Selten, eigentlich nur im Dritten Reich, gab es die Bestrebung, das Fest in städtische Hand zu bekommen.

1936 teilte der Bürgermeister der Scharfschützengesellschaft mit, „dass die Stadtverwaltung beabsichtigt, das diesjährige Schützenfest von sich aus zu gestalten und als allgemeines Volksfest zur Durchführung zu bringen.“ Doch die Schützengesellschaft widersprach, und sie setzte sich durch.

Bleiben wir einen Moment beim Dritten Reich. Damals wurde zwar der Schießsport, weil er wehrertüchtigend schien, gepflegt, bisweilen gar gefördert, aber aus einer verkommenen Haltung, nicht aus bürgerlicher Gesinnung heraus. Dass den Herren jener Jahre alles Bürgerliche fremd war, zeigte sich schon 1933, als die Juden aus den Vereinen geworfen wurden – was in der sonst so gehaltvollen Festschrift von 1960 seltsam unerwähnt bleibt.

Von der alten Zeit, vom guten Geist von Lichtenfels, zeugen dagegen zwei Gruppenbilder von 1867, die katholische, evangelische und jüdische Schützenbrüder einträchtig beieinander zeigen. Gerade Lichtenfelser jüdischen Glaubens hatten sich für die Schützengesellschaft überproportional eingesetzt, mehr als ihrem Einwohneranteil entsprochen hätte. Beim Erwerb des Schützenhauses 1834, bei der Stiftung von Münzen für die Königskette 1910, stets waren jüdische Lichtenfelser stark beteiligt – auch diese Tradition gilt es in einem Jubiläumsjahr herauszustellen.

Aber zurück zum Schützenfest. Dieses sommerliche Volksfest auf dem Schießanger hat heute eine Kontinuität seit 1834. In den ersten Jahrzehnten scheint es bisweilen ausgefallen zu sein, aber seit den 1860er Jahren kaum noch. Ausgenommen sind die Jahre von 1915 bis 1918, als das Schützenhaus als Lazarett diente. Und während des Zweiten Weltkriegs fanden zwar Schießwettkämpfe, aber keine Schützenfeste statt, auch nicht unmittelbar danach, als im Schützenhaus Flüchtlinge und Vertriebene untergebracht waren.

Die ersten Schützenfeste, die ab 1947 abgehalten wurden, musste wohl oder übel die Stadt veranstalten, denn die Schützengesellschaft war durch die Besatzungsmacht aufgelöst, eine Wiedergründung untersagt. Diese gelang erst 1948, anfangs geradezu getarnt als „Gesellschaftsverein Lichtenfels“, der sich erst im folgenden Jahr wieder in „Privil. Scharfschützengesellschaft“ umbenannte.

Seit 1950 ist dann das Schützenfest wieder Sache der Schützen. Die Schützengesellschaft stemmt ein Volksfest, das mittlerweile elf Tage währt, sie trägt die Last der Organisation,

sie schultert Verantwortung, und dafür gebührt ihr aller Respekt, namentlich dem Schützen- und dem Platzmeister.

Die Schützenmeister gingen mit der Zeit, und selbstbewußt scheuten sie auch Konflikte nicht. Erinnert sei nur an den Streit um die Bierlieferung, den Schützenmeister Siegfried Jäkel in den 80er Jahren mit der BRAU AG, vormals Tucher, ausfocht. Seitdem kommt das Festbier nicht aus Nürnberg, sondern aus dem Landkreis Lichtenfels.

Mit der Zeit ging die Kgl. Privil. Scharfschützengesellschaft in so mancher Hinsicht, vor allem aber bei ihrem „Kerngeschäft“, dem Schießsport.

Im 19. Jahrhundert standen auf dem Anger offene, bloß durch eine Mauer geschützte Schießbahnen mit Bretterbuden als Schießständen. Gerade im frühen 20. Jahrhundert erlebte die Gesellschaft dann eine rasante Entwicklung. Um 1900 habe es, wie Georg Krauss beim Jubiläum 1910 herausstellte, nur „zwei primitive Scheibenstände“ gegeben. 1904 wurde die neue Schießhalle „mit fünf modernen Ständen“ in Betrieb genommen, und rechtzeitig zur Hundertjahrfeier 1910 entstand – so Krauss wörtlich – „eine freie Bahn für neun Stände, wie sie wohl kaum an anderen Orten von der Bedeutung von Lichtenfels anzutreffen sind“.

Man ruhte sich nicht auf den Lorbeeren aus. 1927 kam beispielsweise ein Kleinkaliberschießstand hinzu, 1969 Pistolenstände. Einen außerordentlichen Kraftakt stellte 1998 bis 2000 der Bau der jetzigen Schießsportanlage dar (mit 6.600 Stunden Eigenleistung), einer Anlage, über die man Ähnliches sagen könnte wie einstmals Georg Krauss: Vergleichbares findet man wohl kaum in einer Stadt von der Größe von Lichtenfels.

Die Gesellschaft ist aber nicht allein in ihren baulichen Einrichtungen vorwärtsgeschritten. In ihrer Arbeit hat sie sich immer neue Felder des Schießsports erschlossen, und sie tut es bis heute. Sie zeigt sich traditionsbewusst, ist aber am Puls der Zeit. Diese Scharfschützengesellschaft macht klar, dass Bewusstsein für den Wert des Ererbten kein Widerspruch ist zu Modernität. Man kann das Alte pflegen und gerade dadurch offen sein für Neues.

2013 Gruppenfoto Schtzen

1906 wurde eine Zimmerstutzenschützenabteilung ins Leben gerufen, während bis dahin wohl nur Feuerstutzen zum Einsatz gekommen waren. 1961 entstand eine Pistolenabteilung, und seit 1974 wird auch mit Vorderladern geschossen. Zuletzt kamen 2008 die „Lightrock Cowboys“ hinzu, 2009 das Bogenschießen mit dem Übungsgelände beim Wasserturm.

Die ungewöhnlich gute Ausstattung, die umtriebige Vereinsarbeit, das Vorbild der Älteren – alles zusammen sorgte wohl dafür, dass in den letzten Jahrzehnten diese

Scharfschützengesellschaft gleichsam Heimat war für herausragende Sportschützinnen und -schützen, die auf regionaler, nationaler und sogar internationaler Ebene von sich reden machten. Ich setze gewiss niemand zurück, wenn ich als Beleg für diese Aussage stellvertretend die Familiennamen Großmann (einschließlich Osterlänger) und Stark (einschließlich Brandmeier) nenne, dazu Richter, Bram, Thiel, Jäkel. 

Die Kgl. Privil. Scharfschützengesellschaft Lichtenfels, die um diesen Namen und um ihren Rechtsstatus ab 1957 für mehrere Jahre heftig kämpfen musste, ist mehr als ein Sportverein. Sie ist ein Kristallisationspunkt für bürgerschaftliche Gesinnung in Lichtenfels. Gewiss steht der Schießsport im Vordergrund, aber die Menschen, die sich hier zusammengefunden haben, nehmen zugleich gesellschaftliche Verantwortung wahr für das Gemeinwesen. Sie tun das, mit kurzen Unterbrechungen, seit 200 Jahren, und dafür

gebührt ihnen höchste Anerkennung. Sie sind ein Vorbild für alle Organisationen der Stadt, für jedermann.

Wie sagte doch Bürgermeister Adam Wenglein 1910: „Mit berechtigtem Stolze blicken wir alle auf diesen Verein, der seine Entstehung dem echten Bürgertume verdankt“.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Diesen Geist halten Sie bis heute hoch. Deshalb ist mir auch für die Zukunft nicht bange.

Ad multos annos, auf eine lange, erfolgreiche Zukunft zum Wohle der ganzen Stadt!